Zündende Ideen - Fluch und Segen der Nonel-Zündung
- 20. März
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 10 Stunden

Mathe/Physik
In diesem Vortrag spannen wir den Bogen von einer staubtrockenen Statistikanalyse Nichtelektrischer Zünder, über deren mathematisch, physikalische sinnvolle Praxisanwendung bis hin zum bewegten Felsgestein und gelegentlich überhitzten Gemütern. Wir scheren den Kamm über Shock Star, Excel und Rionel und sprechen generell über das Gemeinsame der Nonel-Zündung.
1.1 Die Ausgangslage der Fehlerbetrachtung
Die Nonel-Zündung braucht Vorlaufzeiten im Bohrloch (475, 500, 525ms) damit das Netz der Oberflächenverzögerer (9, 17, 25, 43, 67, 100) nicht abreißen kann. Die Oberflächenverzögerer sollen alle Zündschläuche initiiert haben, bevor sich der Fels in Bewegung setzt.

In der Statistik arbeitet man mit dem Mittelwert und der Standardabweichung.
Bei nichtelektrischen Zündern mit pyrotechnischem Sätzen geht man bei den Millisekunden-Zündern im Bereich von mehreren hundert Millisekunden (>400ms) in der Regel von einer Streuung von ± 3 % bis ± 5 % aus.
Manche Hersteller peilen unter Laborbedingungen ± 2 % an, aber durch Faktoren in der rauen Steinbruch-Praxis (Temperaturschwankungen, Herstellungs-Chargen, Alterung der Zünder, Druckimpulse aus Nachbarbohrlöchern) sind ± 5 % ein realistischer und sicherer Richtwert für die Planung.
Was bedeuten die 5% für die Praxis?
Stufe 20 (500 ms): ± 25,00 ms Das reale Zündfenster öffnet und schließt sich zwischen: 475 bis 525 ms
1.2 Die Gaußsche Normalverteilung

Das klingt im ersten Augenblick dramatisch, doch entspricht die Wahrscheinlichkeit keinem linearen Verlauf sondern dem einer Gaußschen Glockenkurve. Das entschärft die Situation.
Der absolute Großteil (ca. 68,3 %): Zündet extrem präzise nahe der 500 ms.
Die breite Masse (ca. 95,4 %): Zündet immer noch sehr verlässlich.
Die seltenen Ausreißer (ca. 99,7 %): Erst hier, an den flachen Rändern der Glocke, finden wir die Zünder, die die Toleranz von ± 5 % voll ausschöpfen und erst bei 475 ms oder 525 ms zünden.
1.3 Das statistische Risiko der Überschneidung
Die Standard-Zeiten der Verzögerer entsprechen mit kleinen Anpassungen dem Fibonacci-Muster (9, 17, 25, 33, 42, 67, 100 ms). Sie sind kein mathematisches Sicherheitsnetz gegen Überschneidung. Sie sind ein riskanter Kompromiss!.
Bei der Fehlerbetrachtung spielen die Oberflächen-Verzögerer nahezu keine Rolle. Der 500-ms-Bohrlochzünder ist mit ± 25,00 ms der Elefant im Porzellanladen.
Im Vergleich dazu beträgt der absolute Fehler eines 25ms Oberflächenverzögerers schlappe ±1,25ms. Er ist die Mücke auf dem Elefanten.
1.4 Die anwachsende Gefahr im NE-Zündplan
In der Kombination der Zündverzögerer lauert die nächste Gefahr für weitere Überschneidungen.
Was bei zwei Reihen noch gut aussieht, kann sich sich ab der dritten Reihe zum Desaster entwickeln.

Die Diva DIN 4150
Rechtlich ist sie eine technische Regel mit Empfehlungscharakter, sie erlaubt und verbietet, engt ein, schafft Freiraum und sie ist in der öffentlichen Wahrnehmung bekannt, wie ein Zsa Zsa Garbor.
Diven sind nicht perfekt. Diese hier ignoriert markante physikalische Gesetze und niemand nimmt es ihr übel.
Charaktereigenschaften:
Die DIN 4150 behandelt alle Bohrlöcher einer Sprenganlage gleich.
Die Diva behauptet: Mehr Sprengstoff pro Zündstufe = mehr Erschütterung.
Die klassische Formel zur Schwinggeschwindigkeits-Prognose nach DIN 4150 geht von einem starren, unveränderlichen Gebirge aus, vom ersten Bohrloch der ersten Reihe bis zum letzten Bohrloch ganz hinten.
Die Lademenge je Zündzeitstufe ist für die Diva unantastbar.
Ist die 4150 ignorant, weil sie die Effekte der Dynamik verschmäht?
2.1 Die drei dynamischen Effekte:
Warum die erste Reihe der wahre Endgegner ist
Sobald die Detonation der ersten Bohrlöcher erfolgt ist und das Gestein beginnt, sich nach vorne zu bewegen, verändert sich die gesamte Geometrie und Struktur des Gebirges im Bruchteil einer Sekunde. Die klassische Formel nach Professor Koch verliert im tausendstel Sekundentakt an Bedeutung, weil folgende drei Effekte nacheinander das Zepter übernehmen:
2.1.1 Der Wegfall der Einspannung (Kinetik statt Seismik)
Die erste Reihe hat die denkbar schlechteste Ausgangslage: Der Sprengstoff drückt gegen massiven, unbewegten Fels. Die Einspannung ist maximal. Da die gewaltige Energie Q (der Lademenge) nicht sofort in Bewegung umgewandelt werden kann, entlädt sie sich als seismische Welle in den Boden.
Spätestens ab der zweiten Reihe ändert sich das Spiel komplett: Die erste Reihe hat Platz gemacht, eine neue, offene Freifläche ist entstanden. Die Energie der zweiten Reihe sucht sich den Weg des geringsten Widerstands. Anstatt den Boden zu schütteln, wird die Energie jetzt extrem effizient in kinetische Energie, in Wurf und Zerkleinerung umgewandelt.
2.1.2 Der geologische Stoßdämpfer
Wenn die zweite, dritte oder vierte Reihe zündet, ist das Gestein davor und dazwischen durch die vorherigen Zündstufen bereits stark beansprucht. Es haben sich unzählige Mikrorisse und Spalten gebildet, das Material ist aufgelockert.
Dieses frische Rissnetzwerk wirkt wie ein gigantischer, physikalischer Stoßdämpfer. Wenn nun die seismische Welle der hinteren Reihen versucht, sich auszubreiten, prallt sie auf diese Risse und Hohlräume. Die Welle bricht sich, verliert massiv an Energie und wird sprichwörtlich vom zerrütteten Gestein "geschluckt". Die Wellenabschirmung wächst mit der destruktiven Interferenz, der Auslöschung von Wellenbergen- und Tälern.

2.1.3 In-Flight-Kollision (Energie-Verzehr in der Luft)
Durch ein intelligentes Timing (wie die 67 oder 100ms Reihenverzögerung) werfen wir die Reihen so ab, dass das Gestein der hinteren Reihen in der Luft, in das Gestein der vorderen Reihen kracht.
Diese brutalen Kollisionen zerkleinern das Haufwerk weiter – aber was noch viel wichtiger ist: Sie wandeln gigantische Mengen Energie um. Das Gestein wird in der Luft fragmentiert und kann nicht mehr als Erschütterungswelle in die Fundamente des Nachbardorfes wandern.

3. Die Schuldfrage
Die Wahrheit ist, unsere geliebte Diva DIN 4150 ist eine reine Immissions-Norm, keine Emissions-Norm.
Die Emission (Die Quelle): Das ist die Sprengung. Hier passieren die Dynamik, die Wellenüberlagerung, der Energieverzehr in der Luft.
Die Geologie unserer Erde lebt von und mit dem Chaos. Es gibt Störungszonen, wasserführende Schichten, wir kennen Tonschichten zwischen hartem und weichem Kalkstein.
Wenn wir in einer geologischen Störungszone sprengen, fällt der Effekt der Wellenüberlagerung heute plötzlich ganz anders aus als gestern, 50 Meter weiter links.
Ein Gesetz kann diese natürliche Unberechenbarkeit des Gesteins nicht in eine verbindliche Formel pressen. Würde die DIN einen "Dynamik-Bonus" erlauben und das Haus reißt trotzdem, wer haftet dann? Der Staat, der die Norm geschrieben hat? Genau davor schrecken die Normenausschüsse zurück und sie tuen gut daran.
Die Immission (Der Empfänger): Das ist das Fundament des Wohnhauses im Dorf.
Die DIN 4150 verhält sich wie ein Blitzer im Straßenverkehr. Dem Blitzer ist es völlig egal, ob du auf einem Moped. in einem Volkswagen oder einem Porsche sitzt. Es sind deine dynamischen Effekte, es ist deine Fahrweise, die den Blitzer auslöst. Die Diva interessiert sich nur für die nackte Zahl auf dem Tacho. Die Norm sagt nicht: "Du musst so und so sprengen." Sie sagt nur: "Am Haus dürfen bei 10 Hertz maximal 5 mm/s ankommen. Wie du das physikalisch anstellst, ist dein Problem."
Die DIN 4150 ist nicht unser Feind, sie ist die Politesse von nebenan.
Als moderne Sprengmeister sollten wir aufhören, von der DIN 4150 zu erwarten, dass sie uns erklärt, wie wir sprengen sollen. Das ist nicht ihr Job! Ihr Job ist es, Häuser zu schützen. Unser Job ist es, unsere digitalen und physikalischen Instrumente so virtuos zu spielen, dass am Ende bei der Diva DIN 4150 genau die Zahl ankommt, die sie sehen will.
Darum nehme ich die Dame bei der Hand und führe sie galant zurück auf den Sockel ihres Erfolges.
Mathe/Physik - oder das Manifest für moderne Sprengtechnik
Weg von der Angst – hin zu Präzision und Dynamik!
Aus Angst vor Erschütterungen, Steinflug und Behördenauflagen kastrieren wir unsere Sprenganlagen. Wir schrumpfen große Mehrreihensprengungen auf winzige, ineffiziente Einreihensprengungen zusammen. Das Paradoxe daran: Genau diese kleinen Anlagen mit ihrer maximalen Einspannung verursachen die massivsten Erschütterungen, produzieren schlechtes Haufwerk und ruinieren die Brecherleistung.
4.1 🛑 Todsünde 1: Die statische Überlagerung (Das NONEL-Roulette)
ADHS: Wer in der stark eingespannten ersten Reihe Leitverzögerungen von 9, 17 oder 25 ms mit pyrotechnischen NONEL-Zündern kombiniert und dabei zusätzlich auf doppelt geteilte Ladesäulen setzt, spielt russisches Roulette.
Physik: Ein 500-ms-Zünder schwankt um ± 5 %. Aus nominellen 17 ms Abstand werden in der Realität gelegentlich 0 ms. Die Lademengen addieren sich, der Boden wackelt, der Bürger emittiert Entsetzen.
Leitsatz: Wir verkleinern nicht die Anlage, wir präzisieren die Zeitfenster!
Eine der smartesten und wirtschaftlichsten Methoden in der modernen Steine- und Erden-Industrie ist die Hybrid-Zündung.
Konzept: In den meisten Betrieben können wir mit der statistischen Ungenauigkeit gut leben. Wird es aber kritisch oder emotional, nutzen wir die hochpräzise Elektronik. Wir starten die erste Reihe der Sprenganlage mit elektronischen Zündern, lassen die Effekte der Dynamik einsetzen und übergeben den Staffelstab an die Nichtelektrische Zündanlage für die dritte, vierte und fünfte Reihe.
Skeptiker sehen jetzt sofort den Zündungssalat auf sich zufliegen. Der Profi macht es sich einfach.
Beispiel:
4 Reihensprengung
Erste Reihe Elektronische Zündung
2-4 Reihe Nichtelektrische Zündung (Leitverzögerung 25ms, Reihenverzögerung 67ms)
Wir planen die gesamte Anlage Nichtelektrisch, programmieren die Zündzeiten der ersten Reihe in den Logger und übergeben die Startzeit elektronisch an die Nichtelektrische Zündung.

Das gewünschte (erste) Bohrloch der 2. Reihe bekommt die Übergabezeit (Startzeit Nonel) von 67ms durch den letzten elektronischen Zünder im Logger. Der Nonel-Zünder im Bohrloch zündet bei 567ms. Der gesamte Zündablauf folgt der vorangegangenen Planung.
Die elektronische Zündung wird so zum Erfolgsgarant der Nichtelektrischen Zündung.
Die internationale Zündzeiten-Faustregel für die erste Reihe lautet:
"Reißverschluss-Effekt der ersten Reihe" 3 bis 8 Millisekunden pro Meter Bohrlochabstand
Praxis:
Hartes, sprödes Gestein (Granit/Basalt): Braucht sehr kurze Zeiten (ca. 3 bis 5 ms/m), damit die Risse zwischen den Löchern sofort zusammenlaufen, bevor der hohe Gasdruck ungenutzt durch Risse entweicht.
Weicheres Gestein (Kalkstein): Braucht etwas längere Zeiten (ca. 5 bis 8 ms/m), da sich der Riss im weicheren, plastischeren Material langsamer ausbreitet.
Taschenrechner: Verzögerungszeiten 1. Reihe
4.2 🛑 Todsünde 2: Zu kurze Reihenverzögerungen (Das Desaster)
ADHS: Wer Kombinationen von 9/17 oder 17/25ms verkuppelt, schießt gegen eine massive, unbewegte Wand und bringt mit seinem Verhalten die Mehrreihensprengung dauerhaft in Verruf.
"Die Felsmechanik und die Liebe funktionieren nach dem gleichen Grundprinzip. Beide partizipieren von Leichtigkeit, wenn es gut werden soll. "
Physik:
Hartes Gestein braucht 10 bis 20 Millisekunden pro Meter Vorgabe, um abzuheben. Wenn wir ihm diese Zeit nicht geben, erzwingen wir hohe Sprengerschütterungen, extremen Rückriss und gefährlichen Steinflug nach oben.
Leitsatz: Wir geben dem Gestein Zeit zum Abflug!
Wir nutzen das "Reißverschluss-Prinzip" mit kurzen Zeiten in der ersten Reihe und lange Zeiten (z.B. 67 ms) zwischen den Reihen. So werfen wir das Material sauber nach vorne ab, lockern das Haufwerk und schonen den Bagger.
Hartes, sprödes Gestein verhält sich unter Sprengdruck völlig anders als weicherer, plastischerer Kalkstein. Die Schallgeschwindigkeit im Gestein, die Dichte und die Zugfestigkeit bestimmen, wie schnell der Fels nach der Detonation anfängt, sich nach vorne zu bewegen.
Praxis:
Granit/Basalt: Brauchen oft etwas mehr Zeit pro Meter Vorgabe, da das massige, schwere Gestein eine hohe Trägheit besitzt, bevor es abreißt und beschleunigt.
Kalkstein: Ist weicher und oft stark geklüftet. Die Energie entweicht schneller, das Gestein setzt sich oft zügiger in Bewegung, braucht also tendenziell etwas weniger Millisekunden pro Meter.
Taschenrechner: Reihenverzögerung

Achtung: Bei maximal 200ms zwischen zwei benachbarten Bohrlöchern ist die obere Verzögerungsgrenze erreicht! Höhere Verzögerungszeiten verursachen Steinflug.
4.3 🛑 Todsünde 3: Blindes Kombinieren von Zeiten (Das diagonale Chaos)
Physik: In einer Mehrreihensprengung mit V-Schnitten summieren sich Zeiten diagonal auf. Was vorne logisch aussieht, führt nach hinten zu massiven mathematischen Schnittmengen. Bohrlöcher aus verschiedenen Reihen zünden ungewollt gleichzeitig – die Folge sind Knäpper und Knall mitten im Haufwerk.
Leitsatz: Wir optimieren unseren Zündplan! Bevor wir verkabeln, berechnen wir die Überschneidungen und entzerren kritische Bohrlöcher. Wir nutzen den "Stoßdämpfer-Effekt" der hinteren Reihen, indem wir Zündzeiten so wählen, dass keine Reihenfolgeumkehr entstehen kann.
Die Praxishilfe: NE + Hybride Zündung -SMART MASTER EDITION-
Fazit:
Für die Zukunft der zivilen Sprengtechnik wünsche ich mir die Bereitschaft, Althergebrachtes in Frage zu stellen. Sprengtechnik hängt fest an ihrer Vergangenheit, lebt von ihrer traditionellen Ausrichtung. Die großen Paradigmenwechsel entstehen immer dann, wenn jemand fragt: Warum machen wir das so. Es ist niemals gut, wenn die Antwort lautet: weil wir das schon immer so gemacht haben.



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